Hallo, hier ist meine Geschichte! :)

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  • Woher hätte ich das wissen sollen?

    Wenn man als Waisenkind aufwächst, hat man andere Probleme als über die Fein- bzw. Grobheiten der eigenen Aufmerksamkeit nachzudenken. Überhaupt erscheint es leicht als eine kleine, unbeachtete Selbstverständlichkeit, das der Junge, respektive ich, immer mal wieder in seine Phantasie abtaucht. Er trauert eben. Und besser er verliert sich in seiner Tagtraumwelt, als dass er wütend Gläser zerbeißt, herum stampft und Erwachsenenabende ruiniert. Fragile, handle with care, wurde mir zwar nicht auf die Stirn geschrieben, meine Großeltern, bei denen ich aufwuchs, sprechen kein Englisch, aber das deutsche Pendant wurde als Satz immer an meine Auffälligkeiten als Erklärung angehängt. "Der Junge hat seine Mutter verloren", "Ah, verstehe, der arme", hieß es dann regelmäßig. Ich wiederum verstand nicht wirklich, ich nahm nur wahr, dass sich die Leute, denen diese Erklärung zugemutet wurde, danach anders verhielten. Nicht immer zu meinem Nachteil muss ich gestehen. Meine Großmutter nutzte das Wort: "Waise" vor allem in staatlichen Kontexten inflationär. Die Beamten warfen dann oft einen Blick auf mich und rangen innerlich damit sich nicht genötigt zu fühlen dem Willen meiner Großmutter, gegen etwaige Regeln, einfach nachzugeben. Meistens jedoch gewann meine Großmutter. Sie verfeinerte diese Technik über die Jahre so, dass für das Nötigste immer genug Geld da war. Ein Dach über dem Kopf und was zu essen, war für mich und meine drei Geschwister also gesichert.


    Insgesamt kamen meine Großeltern mit der Situation eher schlecht als recht klar. Und sie hatten einfach keinen allzu modernen Erziehungsstil; er lief zudem auch noch eher über Bestrafung als über Belohnung. Tja und mein Großvater hatte offensichtlich auch andere Ideen für sein Leben gehabt, denn er ging nahtlos in einen Alkoholismus über. Was das Miteinander noch unfriedlicher gestalten sollte. Es ist eben kein Spaß für ein Kind, das ADHS hat und nichts davon weiß, vom ungeduldigen Großvater "Unterricht" zu bekommen wie man einen Nagel in die Wand hämmert. Sätze wie: "Jetzt stell dich mal nicht so an", "Das habe ich dir doch gerade gezeigt", halfen mir da nicht wirklich weiter. Vor allem, weil ich von dem emotionalen Druck in den Situationen jedesmal völlig überfordert war.

    Bildung und so Sachen

    Ich kann keine Praxis einfach so lernen, ich brauche Zeit und muss mich darauf einlassen, Schritt für Schritt verstehen wie es geht. Das wurde mir schon sehr zeitig bewusst oder halt schmerzhaft aufgezeigt. Das gilt auch für allerhand sozialer Umgangsformen. Ich habe diese nie einfach nur so nebenher verstanden, Sozialisation oder Internalisierung sozialer Regeln setzt eben einen funktionierenden präfrontalen Kortex voraus. Wenn ich nicht aktiv Aufmerksamkeit auf etwas richte, dann verstehe ich es nicht. Wenn mich jemand zwingt etwas zu verstehen, dann sind die negativen Emotionen so stark, dass ich erstmal über eine Mauer der Wut klettern muss. Bin ich dann emotional erschöpft genug, kann ich ein bisschen Aufmerksamkeit aufbringen, um mich für ein paar Minuten auf so eine Aufgabe konzentrieren zu können. Dieses mühsame Lernen hat viele Nachteile. Das Abitur habe ich auf dem zweiten Bildungsweg bestanden. Es war keine Freude für eine Mathematik-affine Freundin von mir, die mir helfen sollte, die Matheprüfung zu bestehen. Den einen Punkt habe ich mir wirklich verdient, sagte meine Mathelehrer nach der mündlichen Prüfung. Während der Kursphase sagte er ebenfalls, dass er nicht verstehen könne, weshalb ich solche Probleme mit Mathe habe. Ich verstand das auch nicht. Jetzt verstehe ich es vielleicht besser. Mathe braucht ein funktionierendes Arbeitsgedächtnis und funktionierende Exekutivfunktionen; alles da, wenn es mir Spaß macht. Mathe macht mir keinen!

    Das Verstehen verstehen

    Da mir soziale Ordnungen und der menschliche Geist schon immer rätselhaft waren, habe ich folgerichtig Philosophie und Soziologie studiert. Da lief während des Bachelors imgrunde noch recht gut. Es ist einfach großartig über diese Dinge unterrichtet zu werden. Auf Metaebenen habe ich mich immer wohlgefühlt, das verstehe ich. Hausarbeiten schreiben war dennoch anstrengend. Meine Abschlussarbeit habe ich dann im Zweitversuch vier Tage vor dem Abgabetermin angefangen. Wieder war es ein guter Freund, der mir half. Ich war bei ihm und klagte mein Leid. Setze dich jetzt hier an den Rechner und schreibe das Inhaltsverzeichnis, war seine Antwort. Gesagt, getan und den Bachelor of Arts Sozialwissenschaften und Philosophie mit Kernfach Philosophie hatte ich bestanden. Mein Problem bei den Hausarbeiten und auch dem ersten Versuch der Abschlussarbeit war nicht, dass ich von den Inhalten meines Studiums überfordert war, sondern, dass ich jeden Tag eine neue Idee hatte. Dieser ging ich dann für einen Tag nach und am nächsten Tag sah die Themenwelt schon wieder ganz anders aus. Mir war dabei auch egal, was mit den Profs abgesprochen war. Im Master war es dann vorbei; ich habe es nicht mehr sortiert bekommen. Nach dem Ende des Baföganspruches habe ich das Studium abgebrochen.

    Danach folgte die Arbeitslosigkeit und die Frage, was zum Geier eigentlich los ist. Den Satz: "Sie sind so klug, wann machen Sie endlich was daraus", konnte ich nicht mehr hören. Während zweier Weiterbildungen und einer Umschulung zum Mediengestalter, habe ich meine Ernährung umgestellt (wenig Kohlenhydrate, kaum Zucker). Mir ging es damit schon viel besser, kaum mehr herumschnippsende Gedanken, ruhigere Emotionen, und einen guten Schlaf. Aber keine bessere Aufmerksamkeit. Im Gegenteil, das wurde noch schlimmer. Ich konnte mich fast nur noch auf Sachen konzentrieren, die mir einigermaßen Freude bereiteten. Dann hörte ich vor nun 5 Monaten auf zu Rauchen und dann ging fast gar nichts mehr. Handy im Kühlschrank, fünf Mal in den Supermarkt, weil wieder was vergessen. Die Abschlussprüfung für die Umschulung gerade so geschafft, mich laufend irgendwo verletzt, usw.

    Hätte ich das nur früher gewusst

    Dopaminmangelhypothese war dann mein Zauberwort. Das erschien schlüssig und führt direkt zu ADHS, wenn man es googelt. ADHS, so ein Quatsch, dachte ich früher. Aber als ich die ganzen Erfahrungsberichte las, musste ich laufend laut auflachen. Alles davon erkannte ich als vertraut. Nur ein Punkt traf und trifft nicht auf mich zu; Freund. Ich hatte nie Probleme Freunde zu finden. Schlussendlich machte ich einen Termin in der ADHS-Ambulanz der örtlichen Psychiatrie aus.

    Nach viereinhalb Stunden Gespräch mit dem Psychiater und einer Psychologin, nach dem Ausfüllen der Fragebögen und der Fremdeinschätzung und nach 1,5 Stunden Computertest war es dann so weit. Der Termin zur Auswertung war da und ich war aufgeregt. Sie haben sehr gute Anpassungsstrategien entwickelt, daher kann man bei Ihnen von einer mittelschweren bis leichten ADHS reden, sagte der Psychiater. Meine Probleme liegen eher im interpersonalen Bereich, sagte die Psychologin. Medikinet adult wurde verschrieben.


    Das war letzte Woche Donnerstag. Am Freitag habe ich die ersten 10 mg Medikinet eingenommen. Ich wohne seit 6 Jahren in meiner derzeitigen Wohnung. Seit der Zeit meines Einzugs ist eine Schraube an der Klobrille locker, das führt dazu, dass die Klobrille immer nach links wegrutscht, wenn man sich drauf setzt. Jedes Mal, das heißt so dreimal am Tag seit 6 Jahren, denke ich mir: "verdammt, ich muss mal die blöde Schraube festziehen". Dann stehe ich auf, spüle, wasche mir die Hände, gehe aus dem Bad und vergesse die Schraube. Am Freitag saß ich wieder auf der Klobrille, die rutschte nach links weg, ich dachte mir:"verdammt, ich muss...", stand auf und zog die blöde Schraube einfach fest. Danach musste ich laut lachen und meine Hand klatschte an meine Stirn. Solche Sachen passieren mir seit der Diagnose und der Behandlung nun fast täglich. Oft ist das lustig, aber hier und da auch traurig. Ich bin jetzt 40 Jahre alt, da werden sich diese Aha-Momente wohl in den nächste Wochen noch häufen.

  • negteit

    Hat das Thema freigeschaltet
  • Wow, das ist mal eine ausführliche Vorstellung.


    Erstmal herzliche willkommen hier. 🙃


    Ich kann mir gut vorstellen, wie Du dich fühlen musst. Trotzdem ist das jetzt nicht der Moment zum Aufgeben, sondern eher zum durchstarten.


    Mag sein das es den einen oder Überraschungsmoment gibt, aber Du kannst jetzt nur nach vorn schauen. Die Vergangenheit reflektieren ist nie falsch, aber das dauerhaft zu machen ist keine Lösung. 🤓


    Also, herzlich willkommen.

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    Vielen Dank.

    :-)

  • Alles Gute - die Medikamente sind wirklich toll und sehr hilfreich,
    es ist mir ein Rätsel, weshalb sie in der allgemeinen Presse oft so verteufelt werden.


    Was aber auch schade ist, ist die Tatsache, dass viele Ärzte zu schnell und zu hoch eindosieren. Das kann schon mal zu dem Eindruck führen, dass die Medikamente blöd sind, dabei hat bloß der Arzt nicht genug Erfahrung...

  • Von mir auch ein herzliches Willkommen.

    :)


    Ich finde solche Lebenswege einerseits traurig, und andererseits Bewundernswert. Traurig, weil es ein langer, harter und steiniger Weg ist. Aber es ist Bewundernswert, das man trotzdem aufsteht, weiter macht und sich selbst nicht aufgegeben hat.

  • Früher gewusst ist immer besser. Aber komm da mal drauf, das es ADHS ist.


    Dieses "mal eben zum Arzt, ne ADHS Diagnose abholen" gibt es nur in den beschränkten Köpfen von Lehrkräften.

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