Grüße von der Dorfhexe

ADHS-Zentrum ersetzt keinen Arztbesuch oder andere Fachkraft aus Pädagogik und Recht oder eine sonstige Beratung. Ob der Inhalt bei Ihnen oder ihrem Kind zutrifft, muss jeder für sich im Einzelfall abwägen und eigenverantwortlich entscheiden / prüfen lassen.
  • Hallo Foris :-)


    Ich habe mich hier gerade angemeldet, weil ich den Thread "Entwicklungsverzögert bei ADHS" weiterlesen wollte. Jetzt stelle ich mich nur mal kurz vor.


    Wir haben zwei Söhne, die heute 12 und 9 Jahre alt sind. Auf ADHS sind wir über viele Umwege gekommen. Ich erzähle ein bisschen der Reihe nach.


    Richtig losgegangen ist es, als unser Sohn 4 Jahre alt war. Er war damals schon sehr ruhig. Zuhause konnte man ihn auf seine Spieldecke setzen, und dann war der stundenlang beschäftigt. Oft hat er dort auch spontan geschlafen. Er war überhaupt kein Schreikind. Er war noch nicht sauber, und bekam auch noch Nuckelflasche und Schnuller. Für uns war das noch okay.


    Wir wollten ihn dann im Kindergarten anmelden. Und die haben uns die Tür vor der Nase zugehauen, weil sie "Babys" nicht nehmen. Ein integrativer Kindergarten wollte, das wir unseren Sohn für behindert erklären lassen, dann wäre ein Platz frei. Lange Rede kurzer Sinn: Wir haben ihn dann noch ein Jahr zuhause gelassen.


    Dann war er irgendwann 5. Er hat bis dato nur in einzelnen Brocken gesprochen. Ganze Sätze gab es eigentlich keine. Ein halbes Jahr vor Schuleintritt, kam er dann in einen Kindergarten. Wir haben damals sehr viel Geld dafür bezahlen müssen, weil er immer noch Windeln trug, und aus einem normalen Becher nicht trinken konnte. Er musste sehr viel gepflegt werden. Er konnte sich nicht alleine anziehen. Auf ihn musste immer jemand ein Auge haben. Er lebte in seiner eigenen kleinen Gedankenwelt.


    Wir waren in der Zeit einige Male beim Kinderarzt, der da meinte, man könne noch nicht sagen, ob eine Behinderung vorliege. Die Geburt sei unauffällig gewesen. Wir haben also immer gewartet und gewartet. Es tat sich nichts. Er ist auf dem Niveua eines 3-Jährigen geblieben.


    Sein kleinerer Bruder wurde 3 Jahre alt. Der hat das Krabbeln übersprungen, und fing mit knapp 1,5 Jahren an frei zu laufen. Mit 2 Jahren war der Kinderwagen weg. Für uns war das die eindeutige Bestätigung dafür, dass mit einem unserer Kinder etwas nicht stimmte. Die Flasche war mit 4 weg, der Schnuller wurde auch immer weniger. Mit nicht ganz 5 gab es keinen Schnuller mehr, weil er ihn nicht mehr wollte (wir waren froh).


    Beim Felix kam die Einschulung. Und er war immer noch ein großes "Baby". In der Schule ging es nur mit Pullups Windelhöschen. Und er hatte ständig den Daumen im Mund und zeigte sich geistig Abwesend. Das führte immer wieder zu Gesprächsterminen in der Schule.


    Die Schule schickte uns zum Schulpsychologen. Fragestellung: Ist das Kind Schulreif? Die Antwort war "ja, aber wir sollen mal zum Psychologen gehen". Den ersten Termin hatten wir ohne Felix. Der sagte, wir sollten uns keine Sorgen machen. Wir müssten akzeptieren, dass unser Sohn ein Träumer ist. Großes dürften wir nicht erwarten. Eventuell sei die Schule nichts für ihn.


    Bei dem Psychologen waren wir nie wieder!


    Wieder Gespräch in der Schule: Ob uns nicht aufgefallen wäre, das Felix nicht Lesen und nicht Schreiben könne. Mein Mann Antwortete darauf wie aus der Pistole geschossen "Darum schicken wir ihn in die Schule". Ja, meinte sie dann, man müsse ihn besonders fördern. Wir sollten uns mal kümmern.


    Szenenwechsel. Leopold hatte diese Woche den Kindergarten schon zwei mal verwüstet. Heute hat er aus Wut über die Erzieherin einen Stuhl durch die Scheibe geworfen. Wir müssten ihn sofort abholen. Die Dame von der Haftpflichtversicherung hat gelacht, als ich ihr erklären musste, das unser Sohn den Stuhl aus versehen ins Fenster geworfen hatte. Egal. Es war durch die Versicherung abgedeckt.


    Irgendwas stimmt doch da nicht. Wir wussten nur nie was.


    Nach einem dreiviertel Jahr Schule fing Felix an zu stottern. Dadurch schickte uns die Schule das Jugendamt nach Hause. Es bestehe der Verdacht auf Verwahrlosung. Die kamen dann auch gleich im Doppelpack. Nach zwei Stunden war alles vorbei. Sie konnten nichts schlimmes feststellen. Felix sollte zum Logopäden. Das würde schon wieder werden.


    Nach dem dritten Termin sagte die Logopädin, sie könne nichts feststellen. Er spricht sehr langsam, aber ein Stottern wäre nicht festzustellen. Das kam uns dann schon komisch vor. Gut, also Therapie abgebrochen.


    Leopold wurde zwischenzeitlich aus dem Kindergarten geworfen. Er sei zunehmend aggressiv und sowieso total gestört. Ich blieb wieder zuhause. Leopold war schon immer laut, tollpatschig süß und lebhaft, aber nicht gestört. Nur wenn das eine Mama sagt, dann hat das keinen Wert.


    Felix kommt in die zweite Klasse. Seine Klassenlehrerin ist krank. Eine junge Referendarin übernimmt. Zwei Wochen später hatten wir das hunderste Gespräch in der Schule. Unser Felix sei ihr aufgefallen. Sie bot uns ihre Hilfe an.


    Das war das erste Mal, das jemand von der Schule uns Hilfe anbot!


    Irgendwie hatten wir schnell Vertrauen zu ihr gefasst, obwohl sie sehr jung war. Sie schickte uns zu einem Kinder- und Jugendpsychiater. Wir musste nur drei Monate auf einen Termin warten. Es war ein älterer Mann mit sehr ruhiger Ausstrahlung. Und er meinte, er kennt unseren Felix nicht. Wir sollten doch mal erzählen. Das war das erste Mal, das mein Mann seit unserer Hochzeit Tränen in den Augen hatte.


    Wir bekamen von dem Psychiater "Hausaufgaben". Wir sollten mit Felix verschiedene Ätzte aufsuchen. Und wir sollten nur bei bestimmten Arztpraxen aufschlagen.


    Nochmal vier Wochen später hatten wir einen neuen Termin. Alle Ärzte bescheinigten Felix beste Gesundheit. Also liegt es doch an uns als Eltern? Jedenfalls sind wir mit diesem Gedanken zu diesem Kinderpsychiater gegangen. Die gute Nachricht sei, das Felix kerngesund ist. Er leide höchstwahrscheinlich nur an ADHS. Das sei aber nicht schlimm, das könne man behandeln.


    Diesen Moment, wenn man einen Apfel vom Baum der Erkenntnis genascht hat. Er ist unbeschreiblich.


    Ich muss aber zu geben, das wir noch skeptisch waren. Wir bekamen ein Rezept. Gelb? Kanten wir nicht. Wir haben ihm 10mg Medikinet Retard gegeben. Morgens zum Frühstück. Es änderte sich aber nichts. Er hatte nur öfters Hunger und trank, ohne das wir ihn daran erinnern mussten. Für uns war das ein erster Erfolg. Ob es an dem Medikinet lag? Keine Ahnung.


    Wochen später gaben wir ihm dann 20mg Medikinet Retard. Eine wie gewohnt morgens, und eine am frühen Nachmittag nach der Schule.


    Zwei Tage später: Anruf von der Schule. Wenn ich die Nummer schon nur im Display sehe, würgt es mich. Eine neue Einladung zum Gespräch. Mal wieder. Fragt die Lehrerin was wir mit dem Kind gemacht haben. Dann haben wir viel erklärt. Und als Ergebnis sollte Felix an einer anderen Schule einen Neuanfang starten.


    Nochmal eine Woche später war Felix Tag und Nacht sauber. Nochmal ein paar Wochen später, nach dem Schulwechsel, hörte das Stottern auf. Danach hat es nicht lange gedauert, und er hat aus eigenem Antrieb ein Buch in die Hand genommen. Ende der 2. Klasse wurde er das erste mal auf einen Geburtstag mit Übernachtung eingeladen.


    Felix ist richtig aufgeblüht, und hat viele Defizite aufgeholt. Er geht heute auf das Gymnasium und ist ein guter Schüler.


    Bei Leopold haben wir mit der Einschulung auch die Medikation angefangen. Er bekommt 10mg Medikinet Retard. Er ist trotzdem erst mit fast 7 Nachts trocken geworden.


    Das ist unsere Geschichte. :-)


    Ich freue mich auf einen schönenAustausch mit andere Eltern.


    Grüße

    Dorfhexe

  • Was für eine Geschichte...! Es ist manchmal unglaublich, was manche Familien erleben müssen, bis endlich einer mal was von ADHS versteht... so schade! Bei uns waren es 5 Jahre... andere Probleme waren das bei uns, aber auch nicht leicht... und selbst wenn man die Diagnose und Medikamente hat, ist es ja immer noch trocken nie "langweilig"...

  • ja spannende Geschichte und es macht irgendwie auch traurig mal wieder zu lesen , da wo Medikation richtig indiziert ist wie schnell es dann quasi von heute auf morgen schon Wirkung zeigt.


    Aber wer von uns spät Diagnostizieren erinnert sich nicht daran als mit der ersten Einnahme von MPH diese Ruhe im Kopf einkehrete. mir trieb es damals die Tränen in den Augen und es tut es heute noch manchmal wenn ich inSituation komme wo MPH mir deutlich spürbar hilft.

  • ja spannende Geschichte und es macht irgendwie auch traurig mal wieder zu lesen , da wo Medikation richtig indiziert ist wie schnell es dann quasi von heute auf morgen schon Wirkung zeigt.


    Aber wer von uns spät Diagnostizieren erinnert sich nicht daran als mit der ersten Einnahme von MPH diese Ruhe im Kopf einkehrete. mir trieb es damals die Tränen in den Augen und es tut es heute noch manchmal wenn ich inSituation komme wo MPH mir deutlich spürbar hilft.

    Für die einen ist es spannend. Für die anderen ist es ein hartes Brot, das sie essen mussten.


    Ich glaube, das die Falschinformationen in den Medien dafür verantwortlich sind, das es a) zu wenig Ärzte gibt, die sich mit ADHS beschäftigen, und b) die Medikation immer noch als eine Kinderdroge bezeichnet wird, obwohl sie genau das Gegenteil ist.

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