Warum ist es peinlich

ADHS-Zentrum ersetzt keinen Arztbesuch oder andere Fachkraft aus Pädagogik und Recht oder eine sonstige Beratung. Ob der Inhalt bei Ihnen oder ihrem Kind zutrifft, muss jeder für sich im Einzelfall abwägen und eigenverantwortlich entscheiden / prüfen lassen.

Ja, warum ist das peinlich? Es fällt mir immer wieder auf. So auch heute am Telefon. Es ist den Eltern unangenehm, wenn sie ihrem Kind ein Medikament gegen eine Krankheit geben. Erwachsene sind oft von Scham erfüllt, wenn sie zugeben, das sie sich täglich eine Pille einwerfen, die irgendwas bewirken soll.


Es ist eine moralische Frage. Die Gesellschaft, als wir in Deutschland, vertreten ja zunehmend die Meinung, die forschenden Pharmaindustrien dürfen kein Geld verdienen und die Nutzung ist grenzenlos unmoralisch. Selbst Impfen ist heute Teufelszeug. Der Tod des eigenen Kindes ist einer Impfung deutlich zu bevorzugen. Und die eigene Erkrankung ist ja auch völlig egal. Es geht nur noch um Moral und gesellschaftliche Akzeptanz oder Ablehnung.


Es geht gar nicht mehr um das Kindeswohl oder um die eigene Gesundheit. Der Mittelpunkt einer medizinischen Behandlung sind nur noch Kräuterlinge aus dem nicht vorhandenen Garten und das nutzlose Zuckerkugelzeug - genannt Glaubuli.


Es ist diese Armseligkeit die mich ankotzt. Man ist für den Klimaschutz, will aber auf den geliebten 3Liter Hubraum Turbodiesel nicht verzichten. Man betreibt Umweltschutz, in dem man Papier und Glas vom Restmüll trennt. Aber auf Plastik verzichten ist ein NoGo! Weichspüler kauft man nicht, weil das ja zu viel Chemie ist, aber am Tag 'ne Schachtel Kippen rauchen sind gar kein Problem.


Und bevor man seinem Kind oder sich selbst eine erforderliche Medikation zukommen lässt, entschuldigt man sich dafür - und kriecht auf allen vieren zur Apotheke und überreicht in unendlicher Demut das Rezept des bösen Arztes, der sich bestimmt irrt, weil er mit den bösen Pharmafirmen zusammen das kriminelle Duo bildet, welches man sich nur zu gerne selbst einredet.


Die moralische Überlegenheit steht heute über allem anderen. Daran gemessen bin ich wirklich das letzte. Ich trinke Alkohol mit meiner Frau, mit meinen Freunden. Und am Tag danach, wenn ich einen Kater habe, kommt Ibuprophen oder Paracetamol als Problemlöser ins Spiel. Gegen Epilepsie nehme ich täglich ein Medikament - was mich nach gesellschaftlichen Ansichten als Tablettenjunkie erscheinen lässt. Ich rauche mehrmals im Jahr Zigarren. Die guten, echten Lungentorpedos. Dazu ein staubtrockener Rotwein. Selbstverständlich. Ich esse auch Fleisch in verschiedensten Formen. Ich kaufe es aber nur beim meinem Metzger. Nicht diesen Billigfraß aus dem Discounter. Das gute hausgeschlachtete Tier, welches ich beim Namen nennen kann. Aus reinen wirtschaftlichen, kapitalistischen, Gründen fahre ich ein Hybrid- und ein kleines E-Auto.


Ich bin ein böser, schlechter Mensch, der auch vor Medikinet nicht zurückschreckt. Und während ich das hier schreibe, habe ich meinen Morgenkaffee getrunken. Dieser Kaffee wurde um die halbe Welt gefahren - mit einem Containerschiff. 20.000 feinste Schiffsdieselkilometer, bis er in meiner Tasse landet - für diesen einen kurzen Augenblick des Genusses.


Frohe Ostern! :-)

Kommentare 4

  • Doppelmoral ist heutzutage etwas ganz schlimmes... Ich hatte letztens noch mit meinem Bruder über mein Motorrad gesprochen (Ich 20, er 25 Jahre alt). Für mich als Technik-Begeisterten habe ich auch einen anderen Auspuff an meinem Motorrad, ist etwas lauter als Serie, aber nicht viel. Alles legal und eingetragen und weit weg von diesen dermaßen lauten Harley-Brummern.

    Für mich ist Motorrad fahren wie Therapie. Das beste Hobby das ich je hatte und habe. Als ich erzählte wie mich der Klang des Motorrades glücklich macht, schüttelte er nur den Kopf und meinte ich solle an die armen Tiere und Umwelt denken, sowie an gestörte Anwohner. Ich kann das Nachvollziehen, deshalb fahre ich Innerorts auch ruhig und langsam, damit ich keinen unnötigen lärm erzeuge. Mir ist auch klar dass der Natur das nicht sonderlich gut tut. Aber mein Hauptproblem war, dass er noch vorher darüber geredet hatte, dass er in den letzten 14 Monaten 27.000km mit dem Auto gependelt und nochmal 10.000km mit seinem Motorrad (welches nur ein bisschen leiser ist als meins)… Und seine Pläne gehen darauf zu, dass er noch mehr pendeln wird… Wenn er sich über meine minimale Umweltbelastung beschwert, aber sich selber nicht an die eigene Nase fast… Als ich ihn darauf ansprach was er denn für eine Umweltbelastung verursacht, dachte er erst ich möchte Streit anfangen, bis es nach ein paar Sekunden klick gemacht hatte

  • Hihi, ja manchmal platzt es auch aus mir heraus.

    Aber nach dem "auskotzen" drückt es nicht mehr im Bauch ;) Also Diagnose "gut!".

    • Aber manchmal muss man sich auch auskotzen. Sonst frisst es einen auf.

  • Da hat aber jemand gute Laune heute Mittag. :-)

    *looool*