ADHS - Elterntraining Kritik

ADHS-Elterntrainings sind Kurse, in denen den Eltern Fertigkeiten vermittelt werden sollen, damit sie besser mit ihren ADHS-Kindern und ADHS-Jugendlichen besser umgehen können. Anders ausgedrückt: Eltern, die mit ihren eigenen Erziehungsmaßnahmen nicht weiterkommen, suchen sich Hilfe, weil sie es aus eigener Kraft nicht schaffen, mit ihren Kindern fertig zu werden. Die Inanspruchnahme an solchen Elterntrainings kann auch so gewertet werden, das die Eltern von ADHS-Kindern nicht in der Lage sind, ihre Kinder selbst zu erziehen. Daraus ergibt sich schlussendlich die Frage, ob ADHS teilweise nicht doch eine Frage der richtigen Erziehung ist. Und das auffällige Verhalten der Kinder aus der "schlechten" Erziehung resultiert. Eine Teilnahme an Elterntrainings kann somit auch als "erzieherische Kapitulation der Eltern" gewertet werden.


Die Kurse werden oft von sog. "Coaches" (Trainer) gegeben. Elterntrainer ist jedoch kein Beruf mit einer staatlich anerkannten Ausbildung. Aus gesetzlichem Aspekt kann jeder einen "Coach" machen - ohne jegliche Qualifizierung und Ausbildung. Und so ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass solche Elterntrainer in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Heute haben wir die Situation, dass jeder der ein Buch über ADHS gelesen hat, meint, ein Experte zu sein und ADHS-Elterntrainings geben kann.


Es gibt bislang keine offiziell anerkannte Ausbildung zur Erlangung einer Qualifikation, mit der Eltern überprüfen könnten, dass ein Anbieter seriös und qualitativ hochwertig arbeitet. Allerdings gibt es ganz schlaue ADHS-Experten, welche Kurse anbieten, in denen man (jeder der will) zum Elterncoach ausgebildet werden kann. Die Kosten belaufen sich schnell auf einige Tausend Euro.


Besonders verzweifelte Eltern sind natürlich bereit, nach jedem Strohhalm zu greifen, der sich ihnen anbietet. Und so sind diese Opfer auch bereit hohe Summen - oft dreistellig - zu zahlen, um an solchen ADHS-Elterntrainings teilzunehmen. Bei einem Elterntraining über zehn Stunden, kommt schnell eine Rechnung in Höhe von 300-400Euro zusammen.


Ob solche Elterntrainings sinnvoll sind, ist bis heute nicht untersucht worden. Oft scheitern die Inhalte an den Eltern und ihr (nicht vorhandenes) Durchsetzungsvermögen. Ein Kurs macht eben noch kein "normales" Kind. Umstritten sind auch die Inhalte selbst. Denn in einem 10h Kurs lassen sich Erziehungsdefizite nicht einfach "ausbügeln". Wenn über Jahre hinweg Fehler - z.T. gravierende Fehler - in der Erziehung gemacht wurden, kann das anerzogene Fehlverhalten nicht in wenigen Tagen oder Wochen "wegerzogen" werden.


Ferner können in solchen Kursen nur einzelne Themen bestenfalls angerissen werden. Angerissene Themen haben nur geringe oder gar keine Effekte auf die umgesetzten Erziehungsmethoden der Eltern. Daraus folgt, dass eigentlich mehrere Kurse absolviert werden müssten, um am Verhalten der Eltern etwas zu bewirken, damit sich dieses auf die Kinder überhaupt auswirken kann. Der finanzielle Aufwand würde dann bald in die Tausende gehen. Die wenigsten Eltern werden sich das leisten können.


Obwohl Elterntrainings in der ADHS-Szene gern gesehen und angenommen werden, so ist ihre Wirkung anzuzweifeln. Würden Eltern sich selbst und ihre andauernden falschen Erziehungsmethoden in Frage stellen, kämen sie auch weiter. Dazu muss bei den betroffenen Eltern jedoch zunächst einmal die Fähigkeit entwickelt werden, sich selbst zu hinterfragen. Außerdem müssen sie offene Kritik an ihren Erziehungsmethoden zulassen und annehmen. Für die meisten Eltern von ADHS-Kindern ist dies für gewöhnlich ein vollkommen unmöglicher Weg - da sie selbst ein Buch über ADHS gelesen haben und somit zu den ADHS-Experten gehören.


Buchtipp: Komm, das schaffst Du!: Aufmerksamkeit, Koordination und ADHS: Ergotherapeutische Alltags- und Inklusionshilfen für Kinder (Amazon.de)


    Kommentare 2

    • Hallo und Guten Tag! Ich kann Ihre Kritik am sog. 'Elterntraining' nur in Teilen nachvollziehen. Elterntraining ist - wenn es denn von speziell ausgebildeten Personen durchgeführt wird - durchaus ein anerkannter und für Eltern sehr hilfreicher Baustein der 'Multimodalen Therapie'. Hier lernt man einerseits die Besonderheiten seines ADHSlers zu akzeptieren und andererseits adäquat damit umzugehen, z.B. beim Stichwort 'Konsequenzen' sowie bei Regeln, klaren Grenzen und Struktur in der Erziehung. Oftmals ist ja auch fehlende Akzeptanz die direkte Folge von fehlendem Wissen über ADHS. Und dieses Wissen ist die Voraussetzung, um etwas verstehen und schliesslich auch akzeptieren zu können und letztendlich auch gut damit umgehen zu können. Erst wenn ich die Kernpunkte der ADHS begriffen habe, kann ich an mein ADHS-Kind angemessene Erwartungen herantragen, es also weder über- noch unterfordern. In unserer KJP-Praxis wird z.B. seit Jahren ein nach Alter der betroffenen Kinder gestaffeltes Elterntraining angeboten. Hier leiten qualifizierte und seit Jahren mit der Problematik von ADHS vetraute (Sozial-/Heil-)Pädagogen und Psychotherapeuten die Eltern an, damit sie besseren Zugang zu ihren Kindern bekommen und geben Hilfestellung bei den häufigsten Problem im Alltag. Diese Kurse sind nach Modulen gestaffelt und umfassen je Modul ca. 12 Termine. Die KK erstattet auf Antrag alle Kosten, exkl. eines geringen Betrages für Unterlagen/Kopien etc.. Ich gebe Ihnen jedoch insofern recht, dass angebotene Kurse von 'privaten Trainern', die meist über keine hinreichende Qualifikation verfügen, ausschließlich deren eigener Gewinnmaximierung dienen. Und ja, Eltern sollten auch in dem von mir beschriebenen Elterntraining in der Lage sein, sich selbst und ihre Handlungen, ihr Verhalten, zu hinterfragen und zu reflektieren. Mit freundlichen Grüßen