Der lange Weg zum ADHS-Medikament

Segelschiff
Segelschiff

Die Pharmaunternehmen sind in Deutschland umstritten. Gesellschaftlich ist es verpönt, Medikamente einzunehmen. Ich habe damals nach der ADHS-Diagnose auch so gedacht. Ich empfand es auch als sehr schlimm, einem Kind ein Medikament zu geben. Besonders schlimm fand ich dabei, das mein Sohn dauerhaft eine Pille nehmen soll, weil ich als Mutter versagt habe. Es waren ganz schlimme Gefühle, die da in mir hochkamen.


Ich glaube, das ich genau deswegen so offen für Betrüger war, die mir alles sagten, was ich hören wollte. Bachblüten, Zappelin, Algen, Kinesiologie, Homöopathie, Kräutertees vom Fachmann, und so weiter. Ich habe damals nichts unversucht gelassen, um meinen Sohn vor der Pharmaindustrie zu schützen. Es war alles umsonst. Ich habe auch viele tausend Euro dafür bezahlt, nur um als Mutter ein reines Gewissen zu haben. Ich dachte, ich wäre eine gute Mutter. Was ich aber nicht gesehen habe, war, das mein Sohn ein halbes Jahr alles mitgemacht hat, und dabei sein Lachen und seine Fröhlichkeit verloren hat. Heute weiß ich, das ich ihm damals sehr weh getan habe. Alles nur für mein Gewissen. ;(


Wir haben in dieser Zeit viel durchgemacht, und rückblickend alles auf dem Rücken eines 6-Jährigen ausgetragen. Diese schlimme Zeit musste er durchmachen, weil ich als Mutter mehr auf mein eigenes Ego und meine eigenen Ideale geachtet habe. Ich gab sehr viel auf die Meinung Außenstehender, und stellte diese weit über meine eigene.


Es hat sechs Monate gedauert, um zu erkennen, dass das Wohl meines Kindes wichtiger ist, als falsche und nutzlose Therapien, die nur das Ziel verfolgten, das selbsternannte Experten und Heiler sich die Taschen mit meinem Geld vollstopfen konnten.


Auf Rat des Kinderarztes haben wir dann eine Therapie mit Medikinet Retard begonnen. Mein Sohn war wie ausgewechselt. Er konnte endlich Lesen lernen, und er entwickelte ein Zahlenverständnis. Er konnte wieder lachen, und hat viel nachholen können. Er hat angefangen zu leben.


In den Folgejahren hatte ich wegen der Therapie mit Medikinet viel Ärger mit der Schule. Mir wurden viele Vorwürfe gemacht. Die Schule war für meinen Sohn kein Ort des Schutzes und des Lernens, sondern ein Ort, an dem ihm immer vorgehalten wurde, er wäre schlecht, er würde Drogen bekommen, er würde es niemals schaffen, etwas aus sich zu machen.


Mein Sohn geht nach den Sommerferien auf das Gymnasium. Trotz der großen Steine, die ihm während der Grundschule in den Weg gelegt wurden. Das ist eine sehr große Leistung für ein Kind, wenn es sich gegen die Schule durchsetzen musste. Aber er hat es geschafft, und ich bin sehr stolz auf ihn.


Nur weil ein Kind Medikamente braucht, ist es deshalb kein schlechtes Kind. Und die Eltern von einem ADHS-Kind sind auch keine schlechten Eltern, nur weil sie für ihr Kind das Richtige tun.


Man mag mich dafür verurteilen, aber ich nehme das hin. Ich bin als Mutter für meinen Sohn verantwortlich. Deshalb werde ich mich immer für das Wohl meines Sohnes entscheiden, und mich nicht für die Meinung anderer verbiegen.


Über den Autor

Mein Sohn hat ADHS und ist 10 Jahre alt. Die Diagnose wurde kurz nach der Einschulung gestellt. Er ist in der Nacht noch nicht trocken. Und manchmal geht auch am Tag etwas in die Hose.


Sein ADHS ist als Behinderung anerkannt worden. Er hat auf ADHS 50% bekommen. Auf die Entwicklungsverzögerung: 40%. Zusammen hat er jetzt 70% mit Ausweis.

Flocki Schüler

Kommentare 1

  • Das war bei uns nicht ganz so extrem. Wir haben sicher das eine oder andere versucht, aber wir sind dann schnell beim Medikinet gelandet. Wir werden dafür bis heute angefeindet und verurteilt.


    Meiner Meinung nach steht das Wohl der ADHS Kinder im Mittelpunkt. Die Meinung von Außenstehenden, die keine Ahnung von ADHS und Erziehung haben, sind mir egal. Auf die nehmen wir keine Rücksicht.