ADHS und das verflixte Zuhören

ADHS und das verflixte Zuhören

Miteinander sprechen ist eine Kunst. Und in diesem Zusammenhang gibt es schon einen Artikel, mit der Überschrift "Direkte Kommunikation mit ADHS Kindern".


Um mir jetzt das Leben zu erleichtern, nehmen wir das Gesprochene Wort mal als "Botschaft". Eine Person die spricht, ist der "Sender", und jene Person, an welche die Botschaft geht, ist der "Empfänger". Es ist einfach zum besseren Verständnis. :-)


Übung: kannst Du Prioritäten setzen?

Bevor wir aber jetzt weiter machen, halte mal einen Moment inne, und schreibe alles auf, was Du hörst. Vielleicht machst Du die Augen dabei zu, um dich besser auf das Hören zu konzentrieren. Und das bitte mal 5 Minuten machen. Zum Beispiel im Büro, auf dem Balkon, … was hörst Du alles?


Von dem was Du gehört hast, musst Du jetzt die Wichtigkeit bewerten. Dabei nehmen wir eine Scala von 1 bis 10. 1 = unwichtig. 10 absolut sehr wichtig. Und es geht eigentlich nicht nur um Hören, sondern um Wahrnehmung. Was nehme ich also wahr, und was wird wie priorisiert?


Beispiel:

  • Kinderlärm vom Spielplatz = 1
  • Der Bus auf der Straße = 2
  • Die Waschmaschine piepst, weil sie fertig ist = 5
  • Mein Kaffee nehmen dem PC schmeckt kalt = 4
  • Wenn ich den Artikel gelesen habe, will ich Staubsaugen = 8
  • Ich lese diesen Artikel auf ADHS-Zentrum = 10

Ein gesunder Mensch kann vollautomatisch selektieren. Welches Geräusch ist wichtig, wie plane ich die nächsten Minuten? Wir sind als Menschen so gut darin, das wir gar nicht mehr über diese Fähigkeit nachdenken.


Bei ADHS denken wir allerdings schon darüber nach, weil jedes Geräusch, jeder Gedanke, alles was unsere Sinne wahrnehmen, die gleiche Priorität hat. Nämlich immer die höchste Priorität - in unserem Fall also immer 10.


Das bedeutet: Nur weil jemand für den Moment das gesprochene Wort nachplappern kann, und mehr ist es leider nicht, bedeutet das nicht im Umkehrschluss, das die Botschaft auch wirklich beim Empfänger angekommen ist.


Selektion bei ADHS will gelernt sein

Und genau hier setzen Therapien an. Sei es mittels Medikament (Ritalin, Medikinet, ...) oder anderes. Das ADHS-Kind / der ADHS Erwachsene muss also in die Lage versetzt werden, Geräusche zu selektieren, und sich das wirklich Wichtige herausfiltern. Wie gesagt: Für Menschen ohne ADHS ist das gelebter Alltag und kein Problem. Bei ADHS ist es eine unheimlich große Herausforderung.


Man kennt das auch nicht nur von Kindern. Bei Erwachsenen ist das auch so. Man erzählt dem ADHS-Mann etwas, der hört augenscheinlich zu, und zwei Tage später sagt Sie "Schatz wir haben darüber gesprochen" … Er, voll von sich überzeugt: "Nein, wir haben da nie drüber geredet!".


Die Botschaft ist nicht angekommen.


Interessant ist hier auch die Verbindung zum Thema Autismus. Da gibt es unter folgendem Link interessantes nachzulesen.

Aber was kann ich jetzt tun, damit die Botschaften ankommen?

Das ist eine sehr gute Frage. Nehmen wir an, ein ADHS Kind soll sein Zimmer aufräumen. Das ist eine Botschaft die aus mehreren Gründen oftmals nicht ankommt. Das Gesprochene kommt vermutlich nicht, oder gefühlt negativ, beim Kind an. Also bleibt hier nur eines übrig: Das Kind an die Hand nehmen, ins Kinderzimmer führen und gemeinsam aufräumen. Man sendet dann dem Kind gleichzeitig die Botschaft "Aufräumen ist nicht schlimm, komm, wir machen es zusammen".


Kinder muss man also mitnehmen, je negativer sich die Botschaft für das ADHS Kind anfühlen könnte. Zum Vergleich: Die Botschaft "Wir gehen heute in den Hansapark" kommt garantiert an, und blendet auch alles andere einfach aus.


Bei Erwachsenen ist es leider ähnlich, obwohl man meint Erwachsene müssten damit besser umgehen können. Das ist aber leider nicht der Fall. Was man als ADHS Kind nicht gelernt hat - weil es ADHS bedingt nicht gelernt werden konnte - , kann man auch als Erwachsener nicht wirklich gut. Man kann sich "Mühe geben", aber das machen Kinder auch. Darum muss man hier andere Wege finden.


Für konkrete Aufgaben lohnt es sich, ein digitale Liste zu machen. Da gibt es für Smartphones und PCs ganz tolle Apps mit vielen Funktionen. Nur muss man diese auch nutzen. Es reicht nicht, wenn man sich kleine Helfertechniker aus dem Web herunterlädt, diese dann aber nicht nutzt.


Zuletzt ist es so, egal ob ADHS Kind oder ADHS Erwachsener, das man sich immer wieder vor Augen führen muss, das die ADHS Betroffenen das nicht mit Absicht machen. In der Medizin spricht man hier von Symptomtoleranz. Aber jeder von uns weiß, dass das Nerven kostet. manchmal weniger, und manchmal verlangt Symptomtoleranz bei ADHS wirklich alles von einem ab.


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Über den Autor

Mit ADHS beschäftige ich mich bereits seit 1998. Seitdem hat sich viel getan. Überwiegend positives. Mein Job ist es hier, Informationen zu beschaffen, aufzubereiten, und zur Verfügung zu stellen. Ein Job der viel Zeitverschlingt, aber zweifellos sinnvoll ist. :-)

negteit Administrator

Kommentare 2

  • Dieses mit dem Zuhören gilt aber auch für uns Eltern. Wir hören auch nur die Hälfte, oder kriegen vor lauter Geschrei gar nichts mit.

  • Irgendwie ist es genau so. Aber ich könnte das niemanden so erklären, wie es hier steht.