Arm ist gleich ADHS?

arm = adhs

Der Absatz um den es geht, findet man auf der Website des Bundestages - HIER.


Gesundheitliche Ungleichheiten kommen im Kindes- und Jugendalter weniger stark bei körperlichen Erkrankungen wie z. B. Asthma bronchiale zum Tragen als beispielsweise bei Übergewicht, Entwicklungsverzögerungen oder psychischen Auffälligkeiten, die bei Kindern aus Familien mit niedrigem SES (mehrdimensionaler Index des sozioökonomischen Status) häufiger vorkommen. Auch ist beispielsweise das Risiko, von einer Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) betroffen zu sein, bei Mädchen und Jungen mit niedrigem SES gegenüber Gleichaltrigen mit SES um das 2,8- bis 4,4-fache erhöht.

Das Thema ist nicht wirklich neu. Es wird bereits seit einigen Jahren diskutiert, in wie weit Bildung und finanzielle Möglichkeiten einer Familie im Zusammenhang mit Krankheiten stehen könnten. Und wenn man sich die Statistiken genauer anschaut, dann kommt man möglicherweise auch zu dem Schluss, dass Gesundheit unmittelbar mit dem Bildungsstand der Eltern und den finanziellen Mitteln der Familien in Verbindung stehen könnten.


Um das genauer zu beleuchten, müssen wir erstmal klären, was der "sozioökonomische Status" (kurz SES) eigentlich ist. Er besagt nämlich nicht, ob jemand reich oder arm ist, sondern er klärt über bestimmte Facetten auf, welche man im Alltag antrifft.


Der SES schaut sich konkrete folgende Punkte an:

  • formale Bildung und Schulabschluss
  • Ausbildung und Studium
  • Beruf und Einkommen
  • Besitz von Kulturgütern (häufig erfasst über den Besitz von Büchern)
  • kulturelle Praxis: Besuche in Theatern und Museen
  • Wohnort und Eigentumsverhältnisse
  • Liquidität und Kreditwürdigkeit

Hier wird jetzt auch deutlich, warum der SES häufig in der Kritik steht. Der Bildungsabschluss der Hauptschule wird pauschal als Arm gewertet. Das Abitur hingegen wird als reich gewertet. Eine Berufsausbildung ist demnach weniger wert, als ein Studium. Wer Pitje Puck im Buchregal stehen hat, gilt als arm, wer den Brockhaus besitzt, gilt als reich. Wer für eine Wohnung Miete zahlt, gilt als arm, wer in einem Eigenheim wohnt, gilt als reich.


Der SES beschreibt also nicht den Geldbeutel, sondern er bewertet den Menschen und seine Situation.


Hinweis des Autors:

Gemäß den Anforderungen des SES gelte ich als arm: Hauptschulabschluss, Berufsausbildung zum Industrieelektroniker, entsprechendes Einkommen mit Wohnung und zwei Kreditkarten.

Der Zustand "arm" oder "reich" ist also ein Ergebnis aus verschiedenen Eigenschaften und Wechselgrößen.


Wer die Anfrage der FDP genauer gelesen hat, dem ist vielleicht aufgefallen, dass es der FDP um einen Vergleich zwischen Menschen ohne, und Menschen mit Hartz 4 geht (<- das klingt furchtbar, aber ich weiß nicht wie ich es anders ausdrücken kann). Die Bundesregierung hingegen spricht vom o.g. SES. Hier werden also Äpfel mit Birnen verglichen. Ich (der Autor dieses Artikels) gelte in den Augen der Bundesregierung als arm. Und so sieht sich die Bundesregierung bestätigt - obwohl ich sicher nicht arm bin.


Die Antwort der Bundesregierung ist sachlich also grundsätzlich schon mal falsch.


An einigen Stellen werden Rückschlüsse aus (verlinkten) Untersuchungen gezogen, die miteinander überhaupt nicht zusammenpassen. Beispielsweise kann man aus den Ergebnissen des DAK-Gesundheitsreports 2019 nicht herauslesen, dass Kinder aus armen Familien häufiger verhaltensauffällig sind, weil der DAK-Report sich schwerpunktmäßig mit dem Thema Sucht- und Suchterkrankungen beschäftigt.


Also das passt alles hinten und vorne nicht zusammen.


Die Aussage, dass ADHS bei geringem SES häufiger gestellt wird, ist zwangsläufig Unsinn. Erstmal müssen wir klären, was ein "geringerer SES" bedeutet, und ob es daran liegen könnte, dass hier einfach die arbeitende Mittelschicht gemeint ist, welche zwangsläufig einen sehr großen Teil der Gesellschaft ausmacht, und darum hier auch der ADHS-Anteil entsprechend höher ist - was statistisch normal wäre, und keine Besonderheit.


Und ganz wichtig: ADHS entsteht nicht durch ein leeren Geldbeutel, oder einem niedrigen SES, sondern es ist da, weil es da ist. Was ist ADHS nochmal genau? Ja: eine Stoffwechselerkrankung. Und diese nimmt auf den Kontostand kaum eine Rücksicht.


Über den Autor

Mit ADHS beschäftige ich mich bereits seit 1998. Seitdem hat sich viel getan. Überwiegend positives. Mein Job ist es hier, Informationen zu beschaffen, aufzubereiten, und zur Verfügung zu stellen. Ein Job der viel Zeitverschlingt, aber zweifellos sinnvoll ist. :-)

negteit Administrator

Kommentare 3

  • ADHS fällt vielleicht nur mehr auf weil er bei geringerem SES nicht so abgepuffert wird. ??

    Man hört doch oft dass bei den bei Menschen aus dem hohen "SES" dann ADHS im Studium plötzlich auftaucht oder extremer wird, weil die Struktur aus dem Elternhaus fehlt.

    Vielleicht ist das ADHS in seiner Impulsivität und Ausdrucksweise bei geringerem SES einfach wegen anderer Vorbilder nur unangnehmer ?

    • Das geht dann noch weiter: Leute mit "hohem SES" haben Geld für Nachhilfe. Gewöhnlich haben die auch mehr Wohnraum = Die Kinder haben ein eigens Zimmer mit eigenem Schreibtisch. Etc.


      Es gibt schon Unterschiede, aber die Aussage "niedriges SES = ADHS" ist in Summe ist falsch. Da muss man differenzierter heran gehen.

    • Ja das sehe ich genauso !!!

      Oder nehmen wir mal ein ADHS Kind welches auf dem Bauernhof groß wird.

      Viel draußen und am liebsten Vater den ganzen Tag helfen

      Das der Alltag/Routinen wegen Wetter oder der Tiere durcheinander kommt ist auch noch normal.


      ADHS hat man , aber das Umfeld kann schon dazu beitragen wie weit es sich kompensieren lässt.

      In einem hohen SES Haushalt könnte man dann ja auch einfach sagen. Wegen der hohe Anforderungen wie man zu sein hat, die man aber nicht erfüllen kann , nagt es am Selbstwert und das löst dann Depressionen etc.. aus