Intuniv

Intuniv wurde am 17.09.2015 zugelassen, und ist damit das jüngste Medikament, welches zur Behandlung von ADHS angewendet werden kann. Es enthält den Wirkstoff Guanfacin, der in den USA ursprünglich zur Behandlung von Bluthochdruck eingesetzt wird. Nach zahlreichen Untersuchungen und Studien wurde auch eine Wirksamkeit bei ADHS festgestellt, bzw. nachgewiesen.


Intuniv ist jedoch kein wirklicher Hoffnungsträger. Denn es ist derzeit nur für Kinder und Jugendliche zwischen 6 und 17 Jahren zugelassen. Und eine Behandlung kommt nur dann infrage, wenn andere Medikamente keinen therapeutischen Erfolg bringen. Mit anderen Worten: Intuniv kommt nur dann zum Einsatz, wenn Methylphenidat (= Ritalin, Medikinet, ...) und andere verfügbare Medikamente wie z.B. Strattera (= Atomoxetin) ohne Erfolg versucht wurden.


Die fehlende Zulassung für Erwachsene beruht jedoch nicht darauf, dass es bei Erwachsenen nicht wirken würde, sondern es wurde schlicht nicht untersucht - und somit auch nicht für Erwachsene zugelassen. Dazu bedarf es weiterer Studien bei Erwachsenen. Wir kennen dieses Phänomen schon von Methylphenidat, für welches ebenfalls extra Studien im Erwachsenenalter durchgeführt werden mussten, bevor es für Erwachsene zugelassen werden konnte.


Eine Verschreibung ist außerdem an eine weitere therapeutische Maßnahme gebunden. Das bedeutet, dass es keine reine medikamentöse Therapie sein darf. Eine Dauermedikation ist also eigentlich nicht möglich. In der Praxis sieht dies jedoch vermutlich anders aus. Denn zum einen gibt es nicht genug Therapieplätze, und zum anderen sind begleitende Therapien stets zeitlich begrenzt. Eine Dauermedikation ist also in Summe recht schwierig, aber bestimmt auch nicht unmöglich.


Auf einigen Websites wird Intuniv bejubelt, weil es nicht unter das BtmG fällt, und somit als bessere Alternative zur Behandlung von ADHS im Kindesalter gehandelt wird. Vor allem das Missbrauchs- und Suchtpotential von Methylphenidat werden als Gründe angegeben, um Intuniv deutlich besser dastehen zu lassen als es ist. Dass diese Argumentation sachlich falsch ist, liegt auf der Hand, und wird hier nicht weiter ausgeführt.


Intuniv weist in Summe ein hohes Nebenwirkungsrisiko auf. Die Nebenwirkungen reichen von Kopfschmerzen bis hin zur Reproduktionstoxizität. Physische Bauchschmerzen bis Suizidgedanken. Bei vielen Patienten wurde eine Gewichtszunahme beobachtet. Dies geht bis zu Adipositas. Außerdem wurde häufig Angst, Albträume, Depressionen, Sedierung, Schwindel, Bradykardy, Mundtrockenheit, Hautausschlag, Enuresis, Ermüdung, Blutdruckabfall .... beobachtet und dokumentiert. Dies alles ist der öffentlichen Fachinformation zu entnehmen, und widerspricht den Aussagen auf zahlreichen Websites mit Berichten, bzgl. der Harmlosigkeit von Intuniv bei ADHS.


Diese große Anzahl an verschiedenen und schwerwiegenden Nebenwirkungen erklärt auch, weshalb zunächst Medikamente wie Strattera oder Medikinet versucht werden sollten.


Intuniv ist bzgl. der Behandlung von ADHS zugelassen, aber die Erfahrungen sind vergleichsweise mit methylphenidathaltigen Medikamenten nicht vorhanden. Deshalb empfiehlt es sich, sollte man es anwenden wollen, während der Behandlung ganz besonders auf sein Kind zu achten, und jede noch so unbedeutende Kleinigkeit aufzuschreiben. Ideal ist ein Tagebuch, welches Eltern unbedingt führen sollten, um Probleme und Nebenwirkung zu frühzeitig zu erkennen. Im Zweifel sollte man unbedingt den behandelnden Arzt aufsuchen, und sich beraten lassen.


Ebenfalls ist es besonders wichtig, sich ein Feedback aus der Schule zu holen. Je enger die Zusammenarbeit, desto besser. Natürlich ist es bekannt, dass Schulen oft nicht mitziehen, aber es wäre hier sehr wichtig, da nicht genug Erfahrungswerte im Schulalltag vorliegen.


Über den Autor

Mit ADHS beschäftige ich mich bereits seit 1998. Seitdem hat sich viel getan. Überwiegend positives. Mein Job ist es hier, Informationen zu beschaffen, aufzubereiten, und zur Verfügung zu stellen. Ein Job der viel Zeitverschlingt, aber zweifellos sinnvoll ist. :-)

negteit Administrator

Kommentare 4

  • Guanfacin hat zwar mehr Nebenwirkungen als MPH und AMP, aber weniger als Atomoxetin (Strattera). Auch in der Effektstärke ist es besser als Atomoxetin und nicht so gut wie MPH oder AMP...

    Für MPH und AMP-Nonresponder ist Guanfacin mE sinnvoller als Atomoxetin.

    Bei Bluthochdruckreaktionen auf MPH wäre es augmentierend ebenfalls sinnvoll...

  • Macht das dann überhaupt Sinn? Man muss erst MPH versuchen, und dann alles andere, und dann irgendwann darf man vielleicht Intuniv verschrieben bekommen? Und das dann auch nur, wenn man andere Therapien begleitend macht? Das sind so viele Voraussetzungen, die man kaum alle erfüllen kann. Wie lange warten ADHS-Kinder wohl durchschnittlich auf einen Therapieplatz? Monate?

    • Macht keinen Sinn, oder?

    • Das kann man so pauschal nicht sagen. Wir wissen doch alle, das man sich im Zweifel an jeden Strohhalm klammert, der einem in der Not angeboten wird.