Stellungnahme: Parkinson durch Methylphenidat

Für Methylphenidat wurden, wie auch Moll et al. feststellen, anders als für Amphetamine und Cocain, auch in der langfristigen Anwendung bislang keine neurodegenerativen Veränderungen auf zellulärer Ebene beschrieben, auch klinische Beschreibungen parkinsonistischer Symptome nach einer Langzeitmedikation mit Methylphenidat liegen nicht vor.


Der Wirkmechanismus von Methylphenidat besteht, wie in SPECT-Studien reproduzierbar belegt, überwiegend in einer Blockade des bei der hyperkinetischen Verhaltensstörung überexprimierten Dopamintransporters und nur in extrem hohen Dosierungen auch in einer vermehrten präsynaptischen Dopamin- und Noradrenalinfreisetzung. Eine Degeneration dopaminerger Neurone im Sinne eines "Ausbrennens" ist daher nur sehr unwahrscheinlich.


Tierexperimentelle Arbeiten der Göttinger Arbeitsgruppe um Moll et al. berichten über die kurzfristige Wirkung von Methylphenidat hinaus über eine definitive Verringerung des Dopamintransporters auch nach Absetzen. Die Arbeitsgruppe von Hüther interpretiert diese als Folge einer Hemmung der Ausreifung des dopaminergen Systems mit zu befürchtender Ausbildung dopaminerger Mangelsyndrome, wie z.B. eines Morbus Parkinson, insbesondere bei inkorrekt diagnostizierten und medizierten Patienten.


Hierbei ist zunächst festzuhalten, dass sämtliche Befunde an juvenilen Ratten erhoben wurden, die keine hyperkinetischen Verhaltensweisen zeigten. Ob diese tierexperimentellen Befunde gesunder Nager auf den beim Menschen bestehenden Zustand bei hyperkinetischer Verhaltensstörung anzuwenden sind, ist zweifelhaft. Zudem ist der bei Ratten beobachtete Effekt der Reduktion des Dopamintransporters zeitlich nicht konstant, bei älteren Ratten gleicht sich die Dichte behandelter und unbehandelter Tiere wieder an, so wie auch bei unbehandelten Ratten eine altersabhängige Reduktion der Dopamintransporterdichte beobachtet wurde. Ob die beobachtete beschleunigte Reduktion des Dopamintransporters tatsächlich im Sinne einer Reduktion der Sprossung des gesamten dopaminergen Neuronengeflechts zu interpretieren ist, wird auch von den Autoren als eher spekulativ betrachtet.


Da eine genetisch bedingte Überexpression des Dopamintransporters neben strukturellen Änderungen des postsynaptischen D4-Rezeptors als derzeit wahrscheinlichste Ursache der hyperkinetischen Verhaltensstörung gilt, wird von einigen Arbeitsgruppen diskutiert, ob die beobachteten Befunde mit Methylphenidat als spezifisch wirksamer Substanz am Dopamintransporter nicht als kurativ und somit durchaus erwünscht zu betrachten wären.


Stand: 01/2002

NOVARTIS Pharma GmbH


Literatur


1. Challman T., Lipsky J.J.: Methylphenidate – Its Pharmacology and Uses. Mayo Clin Proc.2000; 75:711-721

2. Krause K-H., Dresel S.H., Krause J., Kung H.F., Tatsch K.: Increased striatal dopamine transporter in adult patients with attention deficit hyperactivity disorder: effects of methylphenidate as measured by single photon emission computed tomography. Neuroscience Letters 285 (2000) 107-110

3. Moll G.H., Hause S., Rüther E., Rothenberger A., Hüther G.: Early Methylphenidate Administration to Young Rats Causes a Persistent Reduction in the Density of Striatal Dopamine Transporters. Journal of Child and Adolescent Psychopharmacology 11 (2001) 15-24

4. Hüther, G.: Kritische Anmerkungen zu den bei ADHD-Kindern beobachteten neurobilogischen Veränderungen und den vermuteten Wirkungen von Psychostimulanzien (Ritalin). Analyt. Kinder- Jugendlichenpsychoth. 2001; 32: 471-86

5. Parkinson-Syndrom als Langzeitfolge von Methylphenidat (Ritalin u.a) ? Arzneitelegramm 33(2002) 01/2002


An dieser Stelle möchte ich bei NOVARTIS PHARMA für die schnelle und guten Zusammenarbeit recht herzlich bedanken.


    Kommentare 1

    • Ich in gespannt, wann sich die ersten "Ufojäger" zum Artikel äußern, da ein Pharmaunternehmen die Daten zugeliefert hat ;)


      Einen Dank an den Redakteur für die Recherche.