Früher eingeschult bedeutet ADHS Diagnose?

ADHS-Zentrum ersetzt keinen Arztbesuch oder andere Fachkraft aus Pädagogik und Recht oder eine sonstige Beratung. Ob der Inhalt bei Ihnen oder ihrem Kind zutrifft, muss jeder für sich im Einzelfall abwägen und eigenverantwortlich entscheiden / prüfen lassen.

Was ist wirklich passiert?


In den USA sucht man nach Ursachen, warum in den letzten Jahrzehnten die Zahl der ADHS-Diagnosen gestiegen ist - jedenfalls geht die Studie davon aus. Sachlich betrachtet, ist es dann doch etwas anders. Aber dazu später mehr.


Die Ausgangslage bestand darin, das es in den USA Staaten gibt, welche feste Stichtage für die Einschulung vorsehen. Andere Staaten hingegen haben keinen festen Stichtag, sondern fragen nach, ob das Kind schon schulreif ist - ähnlich wie in Deutschland. In Bezug auf diese Tatsachen stellte man die Frage, ob Kinder, die zu früh eingeschult wurden, häufiger die Diagnose ADHS erhalten.


Der Hintergrund ist ganz einfach: Wird ein Kind im August 6 Jahre alt, wird es einen Monat später eingeschult. Wird ein Kind im September seinen sechsten Geburtstag feiern, hat es noch ein Jahr Zeit bis zur Einschulung, weil der Stichtag der 1. September ist. In einigen Staaten entscheidet also der Geburtsmonat über den Schuleintritt, und nicht die Schulreife. Der Altersunterschied kann also im schlimmsten Fall ein Jahr betragen.



Die Studie in Zahlen


Insgesamt wurden 407846 - also über vierhunderttausend - Kinder in die Studie einbezogen, welche überall in den USA verstreut wohnen, leben und zur Schule gehen. Die Studie beobachtete Kinder in den Geburtenjahren 2007 bis 2009 und begleitete diese dann bis Dezember 2015.


Geburtsmonat August

36.319 Kinder

309 Kinder bekamen die ADHS Diagnose im beobachteten Zeitraum


Geburtsmonat September

35.353 Kinder

225 Kinder bekamen die ADHS Diagnose im beobachten Zeitraum


Dieser deutliche Unterschied wurde nur bei den Monaten August und September festgestellt. In allen anderen Monaten des Jahres, waren die Zahlen unbedeutend ähnlich.


Diese Unterschiede der ADHS-Diagnose im Monat August und September konnten allerdings nur in jenen Staaten festgestellt werden, in denen es einen Stichtag zur Einschulung gibt. In jenen US-Bundesstaaten, in denen nach Schulreife eingeschult wird, konnte man die Unterschiede der ADHS-Diagnosen nicht feststellen.


Weitere Zahlen und zur Publikation auf NEJM



Was kann man daraus ableiten?


In Deutschland leitet man daraus ab, das zu viele Falschdiagnosen gestellt werden. Man kritisiert das Diagnoseverfahren. Und außerdem sind eh die Eltern schuld, die zu viel von ihren Kindern verlangen. Und ADHS entsteht auf Druck der Eltern, die ihren Kindern dann Drogen zum stillsitzen verabreichen. Alles Blödsinn. Aber der deutsche Skandaljournalismus arbeitet so.


In Wirklichkeit haben die Forscher festgestellt, dass in jenen Bundesstaaten, in denen es eine Stichtagsregelung zur Einschulung gibt, auf den Prüfstand gehört. Und wenn die schon dabei sind, wäre ein Vergleich der Bildungsstandards interessant.


Außerdem hat man hier eine weitere Studie, welche bestätigt, das Kinder im Kindergartenalter einen natürlichen Bewegungsdrang haben, eine natürliche kurze Aufmerksamkeitsspanne besitzen - und damit schlicht nicht schulreif sind. Eine Erkenntnis, die in gefühlt tausenden Studien schon lange dokumentiert wurde.


Und eigentlich geht man davon aus, dass etwa 5% der Kinder und Erwachsene an ADHS leiden. Bei 35.000 Geburten in einem Monat müssten das 1.700 Diagnosen sein. Man könnte also ketzerisch fragen, ob man nicht viel zu viele Kinder undiagnostiziert und folglich unbehandelt durch das US-Bildungssystem schleust. Man könnte dies dann zum Anlass nehmen, dass das Gesundheitswesen viele amerikanische Kinder schlicht vernachlässigt, weil sich das die Mittelschicht und arme Familien gar nicht leisten können.


Die Studie bestätigt jedoch gleichzeitig das Vorgehen in Deutschland - zumindest in Sachen Einschulung. In Deutschland spielt zunächst das Alter eine Rolle. Gewöhnlich wird ein Kind mit 6 Jahren eingeschult. Ist ein Kind aber fast sechs Jahre alt, entscheidet man individuell. Mit anderen Worten: Ist das Kind schulreif, oder ist es das nicht?


Umgekehrt geht es in Deutschland aber auch. Sprich: Ist ein Kind mit 6 Jahren noch nicht schulreif, dann kann es ein Jahr zurückgestellt werden. Das Kind wird dann im Alter von 7 Jahren eingeschult. In Deutschland ist das kein Problem.


Deutschland und die USA lassen sich einfach nicht vergleichen. Und vergleicht man sich doch, stellt man signifikante Unterschiede fest.


    Kommentare 1

    • Grundsätzliche Zustimmung!


      0,85 zu 0,64% sind gemessen an der durchschnittlich wahrscheinlichen betroffenen Quote zum Einen marginal unterschiedlich und -wie oben schon gewürdigt- ein Armmutszeugnis für das Gesundheitssystem.


      Das ist ausdrücklich auch zum deutschen Schul- und Gesundheitssystem kritisch zu bemerken, dessen zu föderalistische und massiv unterfinanzierter Grundstruktur mir ursächlich für den problematischen Verlauf bei einem großen Teil der AD(H)S-veranlagten Kinder sorgt.



      Die Kindergarten- und Grundschuluntersuchungen berücksichtigen m.E. nicht die Tendenzen der Einzelnen zu ADHS oder ADS. Bei genauer Betrachtung würde sich hier m.E. eine signifikanter Sprung zwischen Alter und Diagnosezeitpunkt erkennen lassen.


      Die zwei betroffenen Kinder der selben Kindergartengruppe wurden sehr unterschiedlich "erkannt". Der hyperkinetische Typus wurde bereits mit 5 Jahren, und damit 2 Jahre vor der Schule erkannt, behandelt und Medikamentös eingestellt.

      Der vorwiegend unaufmerksame (minimal hyperkinetische) wurde aufgrund überproportionaler Intelligenz auch in der ersten Klassenstufe auch noch nicht erkannt und beginnt erst zur zweiten Hälfte der zweiten Klasse ein Verhalten der Überforderung auszuprägen, das jedoch in den Schatten anderer andersartig psych. auffälliger Mitschüler gestellt, der Schule noch immer keinen Anlass zur Sorge gibt. Zur Einschulungsuntersuchung hat ihm die o.g. Intelligenz die Bescheinigung der "Reife" trotz überaus kindlichem Verhaltensmuster beschert.

      (Faktisch mit Namen und Daten belegbar)