ADHS-Kinder und die Schwerbehinderung

Das Gesetz unterscheidet dabei zwischen GDB (= Grad der Behinderung / Behinderungsgrad) und dem GdS (Grad der Schädigungsfolgen).



ADHS allein ist selten eine Behinderung


Damit ein Kind oder Jugendlicher einen GdB anerkannt bekommt, reicht es in den meisten Fällen nicht aus, das ADHS allein vorliegt. Die Chancen auf die Anerkennung steigen erheblich, wenn sich Begleitstörungen oder begleitende Probleme dokumentieren lassen. Dazu gehören beispielsweise Teilleistungsschwächen und andere Begleiterkrankungen, welche mit ADHS einhergehen. (z.B. Kognitive Teilleistungsschwächen)



Beeinträchtigungen im Kindes- und Jugendalter feststellen


Um die Tatsächliche Beeinträchtigung festzustellen, reicht eine Überprüfung der geistigen Leistungsfähigkeit nicht aus. Eine Intelligenzminderung allein begründet noch keinen GdB bei ADHS. Umgekehrt, also für eine punktuelle Hochbegabung des Kindes, reicht ebenfalls nicht.


Deshalb wird im Feststellungsverfahren auch die Persönlichkeitsentwicklung auf dem affektiven und emotionalen Gebiet geprüft. Außerdem werden die Auswirkungen der sozialen Einordnungsmöglichkeit berücksichtigt.



Entwicklungsstörungen


Ebenfalls geprüft wird der Entwicklungsstand des Kindes im allgemeinen. Dazu werden standardisierte Testverfahren eingesetzt.


Im Schwerpunkt werden dabei zwei Kategorien befundet:

  • Umschriebene Entwicklungsstörungen: Einschränkungen bei Motorik, Sprache, Wahrnehmung, Aufmerksamkeit
  • Globale Entwicklungsstörungen: Einschränkungen in Sprache und Kommunikation, Wahrnehmung, Spielverhalten, Motorik, Selbstständigkeit, soziale Integration



Seelisch Behindert


Ein GdB ist auch dann möglich, wenn eine seelische Behinderung (siehe §35a SGB 8 )festgestellt wurde. Denn einer seelischen Behinderung gehen starke Beeinträchtigungen im täglichen Leben voraus!



Erstes Fazit:


Es stellt sich heute nicht mehr die Frage, ob ADHS als Behinderung anerkannt wird, sondern in welchem Umfang liegt sie tatsächlich vor. Es wird ausdrücklich empfohlen, dies abklären zu lassen.


Für eine solche Abklärung ist es zweckmäßig bis zu sechs Monate Zeit einzukalkulieren.



Der psychologische Aspekt bei Kindern


Etwas das viele Eltern nicht berücksichtigen - weil sie nicht darüber nachdenken -, ist die Meinung des Kindes dazu. Denn der Behindertenstatus zeigt dem betroffenen ADHS-Kind, das es nicht nur krank, sondern auch "ofiziell behindert" ist.


Die Problematik besteht konkret darin, dass dem Kind klar wird, das es nicht so sein kann wie andere. Und das vieles, was für andere normal ist, für einen selbst nicht normal ist - egal wie sehr man sich anstrengt. Egal ob es um Schule, Familie oder Freunde geht - das Kind kann "offiziell" nicht den gleichen Stand wie gleichaltrige Kinder erreichen.


Die Eltern sind hier aufgefordert, den emotionalen Sturm zu umfahren. Je nach Alter des Kindes sind Auswirkungen unterschiedlich. Beispielsweise läßt es sich im Grundschulalter ganz gut "vertuschen". Danach wird es schon schwieriger. Denn neben der möglichen emotionalen Krise, kann der GdB bei ADHS-Jugendlichen zur Hängematte werden. Getreu dem Motto "Ich bin behindert. Ich kann das eh nicht.".


Aus Teenagersicht ist es also auch gewissermaßen Frustverhalten, welches an der Tagesordnung ist. Mit Logik kommt man da als Eltern selten weiter.


Je nach Alter des Kindes, können Eltern über den Sinn und Zweck des Behindertenstatus sprechen. Die meisten Jugendlichen sind dafür offen, sofern sie noch keine Therapieresistenz zeigen. Sprechen Sie als Eltern also über Beweggründe, weshalb sie für ihr Kind einen GdB beantragt haben. Kehren sie diese Gründe nach vorne und heben die daraus entstehenden Vorteile hervor. Die (möglichen) Nachteile verschweigen Sie am besten. Es ist völlig ausreichend, wenn sie als Eltern diese kennen.



Wenn sich etwas verändert


Der Grad der Behinderung kann sich ändern. Beispielsweise durch eine neue Therapie, die zuvor noch nicht Bestandteil des Behandlungskonzeptes war. Einfaches Beispiel dazu: Bisher wurde die Medikamentöse Behandlung nicht durchgeführt. Nachdem eine medikamentöse Behandlung begonnen wurde, hat sich die Gesamtsituation gebessert. Dies rechtfertigt eine Neubewertung des ehemals festgestellten GdB.


Ein einmal festgestellter Grad der Behinderung ist bei ADHS also nichts, das zwingend ewig seine Gültigkeit behält. Und damit sind auch mögliche Änderungen bei Bezug von Leistungen gekoppelt.


Was will ich erreichen?


Eine auch ganz wichtige Frage ist die nach dem Sinn und Zweck einer Anerkennung von ADHS als Schwerbehinderung bei Kindern. Während man in unzähligen Internetforen stets die Empfehlung bekommt, man müsse das auf jeden Fall tun allein weil es so ist, müssen verantwortungsvolle Eltern sorgfältig darüber nachdenken. Ein GdB bei ADHS-Kindern bringt nicht nur Vorteile. Neben dem psychologischen Aspekt gibt es noch einen weiteren Punkt, der sich nachteilig auswirken kann: Abschiebung aus der Regelschule.


Ist ein ADHS-Kind in einer Klasse, deren Lehrkräfte das Kind eigentlich los werden wollen, so können jene die Abschiebung in eine "Sonderschule" mit der bestehenden Behinderung begründen und rechtfertigen. Als Eltern dagegen vorgehen ist fast unmöglich.


Natürlich ist dies ein extremes Szenario das oft belächelt wird. Wer aber selbst in dem Szenario drinsteckt, hat nichts mehr zu lachen.


Die Frage bleibt also, das Eltern unbedingt Vor- und Nachteile bewerten müssen. Sie müssen die Frage beantworten, warum sie einen GdB für ihr Kind durchsetzen wollen.



Finanzielle Vorteile


Für Familien, in denen ein Kind mit Behinderung lebt, gibt es steuerliche Vorteile. Diese richten sich nach dem GdB und anderen Faktoren. Die steuerliche Entlastung kann deshalb schnell einige hundert Euro betragen. Aus finanzieller Sicht alleine könnte es sich für Familien also rechnen.



Vorteile eines GdB bei ADHS


Ein GdB hat noch andere Vorteile. Die betroffenen Kinder zahlen machmal weniger bei Freizeitaktivitäten wie Kino, Zoo, Schwimmbad, etc. Wobei das ganz vom jeweiligen Freizeitvergnügen abhängig ist.


Außerdem lassen sich ggf. Leistungen bei der Krankenkasse leichter durchsetzen.


Einige Eltern haben für ihr Kind sogar eine Pflegestufe erreichen können.



Bescheinigung für Auslandsaufenthalte


Es gibt auch die Möglichkeit, Angebote im Ausland zu nutzen. Dazu reicht eigentlich die Vorlage der Bescheinigung über die Schwerbehinderung aus. Die Bescheinigung wird auf ausdrücklichen Wunsch vom Versorgungsamt auch in andere Sprachen übersetzt.


Eine grundsätzliche Mitführungspflicht besteht nicht. Wer aber Angebote im Ausland nutzen will, muss natürlich den Nachweis mitnehmen.


Der Antrag wird beim jeweils zuständigen Versorgungsamt gestellt.



Zitat

"Nicht behindert zu sein ist wahrlich kein Verdienst, sondern ein Geschenk, das jedem von uns jederzeit genommen werden kann. Lassen Sie uns die Behinderten und ihre Angehörigen auf ganz natürliche Weise in unser Leben einbeziehen. Wir wollen ihnen die Gewissheit geben, dass wir zusammengehören."


Richard von Weizsäcker


    Kommentare 1

    • Sehr wertvolle Tipps.

      Je nach IQ und Emotionen der handelnden Beteiligten können bei Berücksichtigung sehr gute Hilfen für die Kinder geschaffen werden.