ADHS: Gemeinsam traurig sein

Geteiltes Leid ist nur halb so schlimm


Grundsätzlich gilt, dass jedes Kind in ein tiefes schwarzes Loch fallen kann – und fallen darf. Es darf nur nicht vergessen, eine Leiter mitzunehmen, die lang genug ist, um aus dem Loch wieder heraus zu kommen.


Wie diese Leiter aussieht, ist davon abhängig, was der eigentliche Grund für die emotionale Notlage ist.


Wer sich mit ADHS bereits intensiver beschäftigt hat, der hat schon mal den Ausdruck "Emotionale Reife" gehört. Kinder und Jugendliche, welche mit ihrem ADHS jeden Tag zu kämpfen haben, sind in der Entwicklung oft verzögert - obwohl man das sehr oft erst auf den zweiten Blick sehen kann.


Der Umgang mit Gefühlen muss ebenso gelernt werden, wie das Laufen oder das Sprechen. ADHS-Kinder brauchen einfach sehr viel länger, um zu lernen, wie sie mit Rückschlägen fertig werden können.


Die niedrige Frustrationstoleranz ist dabei nicht hilfreich. Strafen oder umfangreiche Belehrungen laufen gewöhnlich ins Leere. In einem emotionalen Tief ist es sehr schwer, an die Kinder heran zu kommen.



Mach was anderes


Schlechte Noten sind nicht schön. Eine Regelverletzung zu Hause ist purer Zündstoff. Wenn irgendetwas nicht sofort klappt, dann gibt es Chaos im Kopf – und ganz sicher Tränen.


Ein möglicher Ausweg ist das gemeinsame Traurigsein. Wenn sich gerade ein Drama abgespielt hat, dann hilft es oft, dass man erstmal etwas ganz anderes macht. Eis essen zum Beispiel. Denn erstens ist für ein Eis immer Platz, und zweitens kommt man als Vater oder Mutter zu Wort.


Manche Dinge sind aber sehr schwerwiegend - für das betroffene Kind, die Eltern oder für die Schule. Hier bietet es sich an, dass sich die Eltern Abends etwas mehr Zeit nehmen. Ideal ist es, wenn das Kind schon im Bett liegt. Denn kann es nicht mehr abhauen, ist nicht abgelenkt, und kann deshalb gut zuhören und sich auf das gesprochene Wort besser konzentrieren.


Man spricht darüber. Gemeinsam. Ohne Vorwürfe. D.h. ohne dem Kind sein Verhalten vorzuwerfen. Freilich muss man als Eltern hier jedes gesprochene Wort gut überlegen, um nicht erneut eine Welle des Zorns zu entfachen. Und ganz wichtig ist es, dass man sich die Meinung des Kindes anhört. Ihre Handlungsmöglichkeiten finden in der Meinung des Kindes ihren Ursprung.


Strafen sind für gewöhnlich sinnlos. Nicht weil eine Strafe bei ADHS-Kindern grundsätzlich nicht angebracht wäre, sondern weil die meisten ADHS-Kinder Strafen nicht verstehen. Sie fühlen sich nämlich im Moment des Zorns oder des Frusts im absoluten Recht. Und wer Recht hat, kann nicht bestraft werden.



Der beliebteste Elternfehler


Ein beliebter Elternfehler besteht darin, von einem unreifen Kind eine Lösung für eine brenzlige Situation einzufordern. Würde das Kind eine andere Lösung kennen als seine eigene Reaktion, dann hätte das ADHS-Kind auch anders reagiert. In einer aufgeheizten Akutsituation denkt KEIN Kind erst nach, und handelt dann. Das gibt es vielleicht im Lehrbuch der Kinderpsychologie, aber ganz sicher nicht in der Praxis. Streichen Sie das – ersatzlos!



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Wenn Kinder traurig sind: Wie wir helfen können